Erfahrungsbericht einer 36jährigen Mutter

Überschrift: Aller Anfang ist schwer!

Nun ist es endlich da und nichts wird mehr so sein wie es einmal war. So, oder ähnlich berichtet es fast jede Mutter, war es für sie und genau so sollte es auch für mich sein.

Lassen wir den Satz erst mal für sich wirken:

Nun ist es endlich da und nichts wird mehr so sein wie es einmal war.

Klingt doch gar nicht so schlimm, denn jeder, oder in diesem Fall jede, kann sich dabei denken was immer sie möchte.

Meine Interpretation war: OK, ich habe jetzt eine große Verantwortung für jemanden anders als mich zu tragen. Ich muss genügend Platz und Zeit für diese kleine Person schaffen. Ich kann nicht mehr so spontan sein  wie ich es bislang war.

Aber, ich wusste ja auch aus Gesprächen mit anderen Eltern, dass es nichts Schöneres gibt als ein Kind zu haben und wenn es dich das erste Mal angelächelt hat, ist jeder Verzicht vergessen.

Mit dieser Einstellung und diesem Wissen dachte ich gehe ich doch gut vorbereitet und mit einer realistischen Einstellung an die „Sache“ ran. Schließlich war es für mich doch immer klar irgendwann mal ein Kind haben zu wollen und nun war es an der Zeit! Mein Mann (wir haben im 5. Monat, nach 6 Jahren Beziehung geheiratet) und ich haben in der Schwangerschaft viel über „die Zeit danach“ gesprochen. Pläne geschmiedet und uns versprochen auf keinen Fall spießig und langweilig zu werden. Wichtig war uns bei diesen Gesprächen auch immer uns zu „schwören“ niemals uns und unsere Beziehung aus den Augen zu verlieren. Gegen Ende der Schwangerschaft wurden wir beide immer ungeduldiger und konnten den Termin kaum noch abwarten.

Sätze von bereits gestandenen Eltern wie,  Genießt noch mal die Zweisamkeit. Geht doch noch mal ins Kino, oder Theater. Wer weiß wie lange ihr darauf verzichten müsst! Sind bei uns nicht richtig angekommen, oder heute würde ich sagen, ich habe sie nicht wirklich verstanden.

Mit einer Mischung aus Angst und Erwartung konzentrierte ich mich auf den Tag X.

Dieser Tag wäre allein schon eine Geschichte für sich, aber das würde zu lange dauern…

 

Der Tag X

Sagen wir mal so: unter viel Adrenalin, Aufregung und ganz anders als es im Geburtsvorbereitungskurs beschrieben wurde,
kam unser Sohn MaxLeo am 17.07.04 um 0:22 Uhr zur Welt. (Ganz am Rande: Ein klasse Datum, denn ich habe am 18.08. Geburtstag.)

Nun ist ER endlich da und nichts wird mehr so sein wie es einmal war.

Die Zeit im Krankenhaus war noch ziemlich gesafet.

Doch auch hier musste ich feststellen, ich hatte nicht bedacht, das ein Baby das trinken an der Brust auch erst einmal lernen muss. Von mir ganz zu schweigen… außerdem fehlen einem ständig mindestens 2 Hände… und es wäre zu schön gewesen nach der Geburt sich erst einmal ausruhen zu dürfen.

Der einzige Trost: du hast immer und ständig die Fachleute um dich herum die dir helfen.

Eigentlich kommst du weder zur Ruhe, noch zum nachdenken…

Ein Tag im Krankenhaus besteht daraus dass du bekocht wirst.

Dein Zimmer geputzt wird. Dein Bett bezogen wird. Jemand dich und dein Kind untersucht und nach deinem Wohlbefinden fragt.

Du Besuch bekommst der dich beglückwünscht und dein Kind bewundert.

Dir beim stillen, wickeln und anziehen des Kindes von Kinderkrankenschwestern geholfen wird. Dein Mann kommt und sagt dir, dass er dich und euer gemeinsames Wunschkind vermisst und sich freut, dass ihr bald nach Hause kommt.

Und du, du wünscht dir nichts sehnlicher als deine gewohnte und vertraute Umgebung zurück.

Und auch dieser Tag kommt und du darfst nach Hause gehen.

 

Wieder zuhause..

Meine beste Freundin (Mutter von 2 Kindern) sollte mich die ersten 2 Tage zu Hause unterstützen, da mein Mann erst ab dem Wochenende für 4 Tage frei bekam. Die Gute hat bei sich zu Hause alles so organisiert, dass es möglich war, mich abzuholen und mich zu Hause zu „bemuttern“. Als wir bei mir ankamen fragte sie mich ob wir vielleicht eine kleine Runde spazieren gehen wollen und ob ich auch Sonnencreme für das Baby besorgt habe… ähm…

Ich hatte natürlich nicht… Schleeeechte Mutter… Mit einem Kennerblick stellte sie schnell fest, dass mein Baby außerdem nicht warm genug angezogen ist (dabei hatte ich mir noch in der Klinik versichern lassen das dies der Fall sei…???)
Ich fühlte mich immer stärker verunsichert und am Ende hatte ich sie gebeten, doch wieder nach Hause zu fahren (ca. 160 km). In diesem Moment kam ich mir nicht nur als schlechte Mutter, sondern auch noch als schlechte und undankbare Freundin vor. Mein Mann konnte mit der Tatsache, dass ich meine Freundin nach Hause geschickt hatte und nun nur noch am heulen war, wenig anfangen. Was bei mir zu Folge hatte noch mehr zu heulen und mich wie eine total schusselige Kuh zu fühlen. Ich versuchte später beiden zu erklären, dass ich im Krankenhaus alles rund um das Baby neu gelernt hatte und mir eine Alternative, Sachen, oder Dinge zu erledigen eher wie ein erhöhter Schwierigkeitsgrad vorkam, den ich zurzeit noch nicht bewältigen kann.

Ich weiß weshalb Sabine meine beste Freundin ist. Sie hat es ganz einfach verstanden…
Hatte ich anfangs erwähnt ich würde gut vorbereitet an das Projekt Baby rangehen? Ich muss genügend Platz und Zeit für diese kleine Person schaffen. Ich kann nicht mehr so spontan sein  wie ich es bislang war. Mit dieser Einstellung dachte ich doch soooo gut vorbereitet zu sein.

HA, dass ich nicht lache. Pustekuchen. Ich hatte Spontaneität nicht definiert,
nicht mehr bei Bedarf auf Toilette gehen zu können und an dem Punkt größter Entspannung und Anspannung von meinem hysterisch schreienden Baby zurückgeordert zu werden, weil ich denke es krepiert gerade elendig in seinem Bettchen.

Du befindest dich in deiner gewohnten Umgebung, aber nichts ist mehr so wie es war. Den extrem gemütlichen Tagesablauf, den du dir während der Schwangerschaft angewöhnt hast, kannst du auf einmal getrost vergessen. Gegessen (wenn man das schlingen überhaupt noch so nennen kann) wird zwischen stillen, windelwechseln und sich fragen, weshalb er denn nun schon wieder schreit. Duschen wird auf einmal zu einem richtigen Projekt, welches sorgfältig geplant werden muss und bei dem alle „Risiken“ bedacht werden sollten… Nix da, von wegen täglicher selbstverständlicher Grundbedürfnisse. Pah. Die stehen dem Baby, aber nicht mehr mir zu. Da stellt sich Frau die Frage, wenn sie nicht mal mehr Zeit für sich hat, wie soll es denn da mit einer Partnerschaft klappen? Weshalb habe ich überhaupt geheiratet?

 

Papa hilft, oder?

Wir werden uns kurz über lang eh scheiden lassen! Dass er froh ist, dass ich zu Hause bin gibt er einem auch nicht mehr zu spüren, geschweige denn es zu sagen. Eher gibt er mir das Gefühl, weshalb ich das schreiende „etwas“ nicht besser im Griff kriege.

Häufig werde ich gefragt wie oft ich denn so am Tag stille wenn ich sage, dass ich zurzeit alle 1-1,5 Stunden stille, sind viele entsetzt und gucken mich mitleidig an. Sie geben mir dann Tipps und erzählen mir was von dem 4-  Stunden-Rhythmus und fragen mit hochgezogener Augenbraue weshalb ich den nicht hinkriege…

Schließlich steht es doch so in jedem schlauen Buch… und wenn ich so weitermache würde, gehe ich kaputt und meine Beziehung auch. Aaach, da haben wir´s ja wieder… habe ich es nicht auch schon gesagt…???

Da stehe ich nun und kriege meinen neuen Job (24 Stunden stand by, keinen wirklichen Feierabend, Wochenende und Urlaub ganz zu schweigen. Dafür völlige Selbstaufgabe) einfach nicht hin.

Stelle dafür aber verzweifelt fest: Nein. Sooo habe ich mir das Ganze wirklich nicht vorgestellt! Wo bleibt da das tolle Mutterglück? Ich ticke verkehrt, oder weshalb hoffe ich, es klingelt bei mir an der Tür und jemand kommt um sich für meinen Einsatz beim Babysitten zu bedanken und nimmt ihn dann wieder mit?

Bitte ab jetzt weiterlesen und nicht deprimiert wegklicken…!

Stattdessen klingelt es ständig an der Tür und der neugierige Strom an Besuchern will einfach nicht enden und dabei möchte ich doch einfach nur meine Ruhe haben und die wunden Stellen meiner unglücklichen Seele lecken. Großeltern und Co. Sie alle wissen nicht mehr wie es bei ihnen mal war, aber haben trotzdem eine Menge guter Ratschläge und Tipps parat.

Nun haben wir ja auch einen Freundeskreis mit Kindern. Alle habe ich verflucht, dass sie mir nichts von all dem erzählt hatten. Einige habe ich zur Rede gestellt und ihnen ihre Unehrlichkeit vorgeworfen! Sie meinten alle es ist nur am Anfang so „schlimm“ und es wird mit jedem Tag besser.

Pah. Kein Wort habe ich ihnen geglaubt. Dann auch noch dieser bescheuerte Spruch: Genießt diese Zeit, sie ist im Nachhinein so schön! Hilfe! Das heißt ja im Klartext: es wird noch schlimmer werden. Oh nein, ich bin ganz weit unten in meinem tiefen schwarzen Loch der Depressionen und Hoffnungslosigkeit.

Mein Leben ist zu Ende!

 

Die ersten Tage und Wochen verstreichen und ich fühlte mich wie in dem Film: Und täglich grüßt das Murmeltier. Ein Tag gleicht dem anderen und wenn du dich am Ende des Tages fragst was war heute, dann merkst du nichts Besonderes? Schön war auch der Tag als mein Mann nach Hause kam und feststellte: Wie sieht es denn hier aus? Du machst ja aber auch gar nichts mehr. Ich war fassungslos und fühlte mich als faule Socke hingestellt und das wo ich doch an der Grenze meiner Kräfte mein bestes gab. Die Genugtuung kam dann als er das erste Mal Babysitting gemacht hat. Er rief mich verzweifelt über Handy an und bat mich auf der Stelle nach Hause zu kommen, denn der Kleine flippt völlig aus und lässt sich durch nichts mehr beruhigen. Nachdem ich ihn erlöst hatte, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen: Wie sieht es denn hier aus… Schön war, dass er sofort sagte: Ok, ok ich werde so was nie wieder fragen…!

Und dann, ganz plötzlich kam der Tag als mein Sohn mich anlächelte und sich aus seinen Kokon schälte. Ich hatte das Gefühl endlich an seinem Leben teilhaben zu dürfen.

Ich denke es war so um die 6. oder 7. Woche, als ich anfing mich hoffnungslos in ihn zu verlieben. War es sein süßes zahnloses lächeln, sein aru aru (was fast so klingt wie Hallo, hallo), oder war es mein „Mutterhormon“ was endlich wirkte und im ganzen Körper verrückt spielte? Seine Entwicklung und sein Teilnehmen an allem was um ihn herum geschah war nun nicht mehr aufzuhalten. Jeden Tag etwas neues, dass ich am Abend meinem Mann mitteilen und mit ihm teilen konnte. Auch seine Blähungen und sein geweine war auf einmal nur noch halb so schlimm für mich. Was macht das verliebt sein den Blick doch auf einmal rosa…

Aus es wurde er und er war auf einmal MEIN SOHN MAX LEO.

MaxLeo ist heute, da ich diese Zeilen schreibe, 13 Wochen alt und ich möchte ihn nicht mehr missen. Wenn er auch aussieht zurzeit wie eine gerupfte Puppe, weil sein schönes langes Haar ausgeht, ist er für mich das tollste und schönste Kind der Welt.

Die Geburt meines Kindes war schwer, aber mindestens genau so schwer war meine Geburt als Mutter.

Hier sind wir jetzt. Mutter und Kind… gespannt was uns die Zukunft bringen wird!

MaxLeo, schön, dass es Dich gibt!!! Ich habe Dich lieb!